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Wissen unsere Entscheider mehr?

Elderly man holding a blank big white paper sheet and looking at it as at an empty newspaper, portrait
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Auf meinen Geschäftsreisen genieße ich seit Jahren das Privileg, mit vielen interessanten (Führungs-)Kräften verschiendenster Firmen und Konzerne in Kontakt zu kommen. Oft passiert das in der Bahn, in einer Hotellobby, in irgendwelchen Flughafenlounges oder auf Messen. Die vertrauten Gespräche finden aber eher im Taxi oder im Flugzeug statt. Letzteres benutze ich mittlerweile zweimal pro Woche. Manchmal tausche ich mich mit Abteilungs-/ oder Entwicklungsleitern aus der Automobilindustrie aus. Nicht selten befinde ich mich in Gesprächen mit Leuten aus der Versicherungsbranche. Vereinzelt hab ich sogar das Vergnügen mit Kompetenzträgern aus Rüstung und Raumfahrt zu reden. Dazu muss man nicht in elitäre Kreise eingeladen werden. Ein Zufall reicht aus, um im Flugzeug neben jemandem zu sitzen, der etwas zu sagen und zu erzählen hat. (großer Unterschied)

Es handelt sich also nicht um Geschäftstermine. Eher sind es lockere Gespräche, um die Reisezeit totzuschlagen. Wenn man eine ausgeprägte Beobachtungsgabe besitzt und den Leuten ein offenes Ohr schenkt, kann man viel aus den jeweiligen Bereichen lernen. Was mir dabei nun aber immer häufiger auffällt, ist die simple Tatsache, dass selbst die Führungsetage dieses Landes über keinen nennenswerten Wissensvorsprung gegenüber der Allgemeinheit verfügt. Zumindest ist das mein Eindruck.

Der Durchschnittsabteilungsleiter in der Automobilzuliefererindustrie zum Beispiel ist 45 – 55 Jahre alt. Noch älter sind die Entscheider von lokalen und nationalen Banken. Pharmavertreter mit Personalverantwortung sind ebenfalls Leute, die ich nur in Ausnahmefällen als jung bezeichnen würde. Ist das schlecht? Nein. Das Land braucht erfahrene Menschen. Aber diese Menschen besitzen überwiegend die schlechte Angewohnheit, auf die selben, gleichgeschalteten Informationsquellen zurückzugreifen. Das Internet ist in dieser Generation leider immer noch Neuland. Und damit meine ich nicht die alleinige Fähigkeit  www.faz.net in den Browser eingeben zu können.

By: Per Gosche
By: Per Gosche

Jeder Anzugträger im Flugzeug liest das Handelsblatt. Jeder Anzugsträgerassistent liest die FAZ oder den Businesspunk. Allgemeine geopolitische oder wirtschaftliche Zusammenhänge (selbst die ohne viel Verschwörungshintergrund) werden von den ‘Lenkern’ unseres Landes oft gar nicht verstanden. Wenn diese Leute vor laufender Kamera dann aber gefragt werden, glaubt man ihnen jedes Wort. Sie sind ja schließlich in hoher Position und haben eine teure Krawatte um. Früher habe ich gedacht, dass Führungskräfte in diesen Konzernen an der Quelle der Wahrheit sitzen. Dass diese Menschen einen Wissensvorsprung haben.

Je öfter ich aber mit solchen Genossen privat oder geschäftlich ins Gespräch komme, drängt sich bei mir der Verdacht auf, dass es einen Erkenntnisvorteil nicht gibt. Jeder tappt hier im Dunklen. Jeder versucht das zu tun, wovon er überzeugt ist. Und zwar mit den Informationen, die ihm zur Verfügung gestellt WURDEN. Nach dem Motto “Eigenrecherche kostet zuviel Zeit”.

Eines meiner Lieblingsgespräche habe ich immer wieder mit Bänkern. Ich habe nun schon über 10 verschiedene Bänker gefragt, ob sie mir erklären können, wie Geld entsteht. Keiner der Leute hat gewusst oder zugegeben, dass Geldschöpfung mit Krediten bewerkstelligt wird. Keiner der Leute hat mir erklären können, warum Überweisungen über 4 Stunden dauern müssen. Keiner der Leute hat mir richtig erklären können, wie die LIBOR gebildet wird. Alles Dinge, die ein Bänker eigentlich in seiner Ausbildung schon lernen sollte.

Alles, was ich als Antwort bekomme, sind vereinfachte Sätze aus einem Kinderlexikon. Keineswegs falsch aber komplett unnütz. Auf jeden Fall aber unzureichend, um Risiken abzuschätzen oder die Zukunft zu planen.

Die Unwissenheit der Experten beschränken sich dabei leider nicht auf die Bankenwelt. Wenn sich also Führungskräfte und Entscheider von Konzernen mit Informationen von Massenmedien zufrieden geben, dann weiß ich, warum in diesem Land etwas nicht stimmt.

Über John Krass

Der Idealist ist ein vielreisender Informatiker mit Altenburger Wurzeln. Er war bis jetzt in den USA, Niederlande, Südostasien, Rumänien, Spanien und natürlich seiner Heimat Deutschland für verschiedene Industrien tätig. Seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen schreibt er auf idealism.us nieder.

siehe auch

Nach Brüssel: Lasst die Medien aus – ein Kommentar von Michael Külbel

Wieder ein Anschlag. Wieder dieselben Muster. Es wiederholt sich und so langsam fragt man sich, …

Ein Kommentar

  1. Weshalb müssen Überweisungen vier Stunden dauern?

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