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VON UNTERBRECHERN UND VERBRECHERN

FRA„Nichts ist spannender als Wirtschaft“ sagt kein normaldenkender Mensch – jemals. Trotzdem gibt es einige Dinge in unserer modernen Handelswelt, die sehr interessant und zugleich paradox sind. Sie sind neben der Formel für Coca Cola das best gehütetste Geheimnis der Wirtschaft.

Dass es sie gibt, steht außer Frage, jedoch wird dir niemand verraten (wollen), wie sie funktionieren. Sie bestimmen über Gewinn und Verlust und führen die Preisbildung über Angebot und Nachfrage ad absurdum. Es geht um sogenannte „circuit breaker“ und „high frequency trades“.

Der Unterbrecher (Circuit Breaker)

Stell dir vor, du bist auf einem Marktplatz. Alles läuft nach Protokoll. Die Bauern verkaufen ihr Obst und Gemüse, die Bürger jagen den besten Deal. Plötzlich macht ein Gerücht die Runde: Man erzählt sich, dass morgen ein Bauer aus fernen Landen anreisen wird. Er würde eine große Ladung Äpfel mitbringen. Schöne, große Äpfel. Und extrem günstig sollen sie sein. Das spricht sich natürlich schnell rum. Jeder, der im Sinn hatte, heute Äpfel zu kaufen, spielt mit dem Gedanken, lieber noch zu warten. Morgen gibt’s ja angeblich billigere und bessere Ware im Angebot. Den einen Tag kann man also warten. Bevor aber die Bauern auf ihren Äpfeln sitzen bleiben, tauschen sie schnell ihre Preisschilder aus und locken die Kundschaft mit niedrigeren Preisen. Denn durch das Gerücht und die zögernde Kundschaft sind die Bauern heute gezwungen ihre Preise zu senken. Innerhalb einer Stunde verfällt der Kilogrammpreis um 30%.

Bis hier hin ist das alles noch nachvollziehbar.

An der Börse läuft das etwas anders ab: Der Marktplatz gehört natürlich irgend jemandem. In diesem Beispiel, sagen wir, der Stadt bzw. dem Bürgermeister. Dieser kommt nun zum Markt geeilt und erklärt den Handel für gestoppt. Er verbietet jeden weiteren Austausch von Waren gegen Geld. Warum? Weil er verhindern will, dass der Apfelpreis noch weiter fällt und die Bauern zu viele Verluste erwirtschaften. Kraft seines Amtes setzt er den Handel also aus und lässt jeden Marktteilnehmer eine Stunde warten. Natürlich in der festen Hoffnung, dass sich das Gerücht mit den billigen Äpfeln als unwahr herausstellt und sich der Preis wieder stabilisiert. Schließlich sammelt er nach dem Markttag Steuern ein, welche sich nach der Höhe der Gewinne aller Bauern richten.

Genau das passiert an den Handelsplätzen dieser Welt. Die Börsen unterliegen einer massiven Angst. Jeder sieht seine Gewinne in Gefahr. Darum hat man sich vor einigen Jahren entschlossen, sogenannte Circuit-Breaker einzuführen. Diese Breaker funktionieren je nach Handelsort und Zeit unabhänig voneinander, mit unterschiedlichen Konfigurationen. Der eine löst schon nach 10% Preisverfall aus, ein anderer stoppt den Handel erst nach 20% Kursverlust in einer Zeitspanne von 30 Minuten.

Breaker hin oder her, ein dauerhafter Kursverlust inklusive Massenpanik lässt sich nicht verhindern. Schon gar nicht durch ein temporäres Handelsverbot. Das Aussetzen des Handels verzögert nur das Unaufhaltsame. So wie beispielsweise die Abwärtsfahrt unseres geliebten DAX an den ersten 10 Handelstagen dieses Jahres.

Eigentlich sind die Unterbrecher eine relativ vernünftige Erfindung, jedoch wird dadurch auch klar, wie weit sich das System dem Mechanismus von Preisbildung durch Angebot und Nachfrage entzieht. Man will Geld verdienen, keins verlieren. Im Kapitalismus gehört jedoch der Verlust von Werten, welcher unmittelbar an das Risiko verknüpft ist, zum Alltag. Wir akzeptieren das aber nicht. Die Circuit-Breaker werden oftmals damit gerechtfertigt, dass sich „Märkte erstmal wieder beruhigen, und die Emotionen der Händler wieder ein normales „nicht-panisches“ Niveau erreichen sollen“. Diese Behauptung jedoch, macht keinen Sinn, wenn man sich mal anschaut, wieviele Orders überhaupt noch von Menschen ausgeführt werden. Denn über 70% aller Trasaktionen werden sowieso von Algorithmen und vordefinierten Bedingungen ausgeführt. Und so kommen wir zum nächsten Thema:

 

Der Hochfrequenzverbrecherhändler (High Frequency Trader)

daxStell dir vor, da rennt ein Typ über den Marktplatz und bietet jedem Bauern etwas Geld dafür, dass er das Preisschild vom Stand entfernt. Dann zieht er sich seine Laufschuhe an und rennt ganz schnell von Bürger zu Bürger und fragt sie, was sie kaufen wollen, und natürlich zu welchem Preis. Er schreibt sich alles auf und noch bevor die Leute am Stand der Bauern angekommen sind, bietet er ihnen die richtige Ware zum perfekten Preis an. Der Trick dabei: Er ist schnell und sorgt dafür, dass ein Gespräch bzw. eine Preisverhandlung zwischen Bauern und Kunden nie zustande kommt. Durch seine Geschwindigkeit kann er das Wissen über die Preise der Bauern und die Bereitschaft der Bürger diese zu zahlen optimal nutzen, um am Markt zu profitieren.

An der Börse gibt es natürlich keinen Typ, der einfach mal Fragen kann, was jemand bereit ist zu zahlen oder für wie viel Geld ein Händler bereit ist, eine Aktie zu verkaufen. An unseren elektronischen Handelsplätzen findet soetwas mit einem realem Kauf statt. Der Typ fragt beide Seiten, indem er einen oder mehrere Orders in die Börse schießt. Allerdings tut er dies schneller als alle anderen und nutzt seinen Vorteil dann aus, um den besten Preis zu ermitteln. Durch schnelles kaufen und abverkaufen gewisser Aktien, ist es somit möglich, einen Kurs in eine bestimmte Richtung zu manipulieren. Man stelle sich mal vor, wie sich der Preis einer Aktie bewegt, wenn man 1000 mal pro Sekunde die selbe Aktie zu jeweils einem Cent mehr verkauft und wieder ankauft. Ein HFT (high frequency trader) schreit mehrere tausend mal pro Sekunde ein Angebot in den Markt und testet somit den aktuellen Preis. Ein „normaler“ Händler ohne schnelle Verbindung zum Stock-Exchange handelt auf Grund seines infrastrukturellen Nachteils somit gewissermaßen in der Vergangenheit.

Laut eines Insiders wird die durchschnittliche Haltezeit, also die Dauer des Besitzes einer Aktie auf weniger als 22 Sekunden beziffert. Institutionen welche sich selbst als Investoren bezeichnen und Menschen, welche denken als Anleger zu agieren, indem sie ihr Vermögen diesen Institutionen anvertrauen, besitzen eine Aktie also im Durchschnitt nicht länger als 22 Sekunden.


Circuit Breaker und High Frequency Trades sind leider nicht die einzigen Werkzeuge, welche unsere bizarre Handelswelt von heute definieren. Wer heute immernoch glaubt, dass die Wirtschaft auf den alten und simplen Prinzipien des Handelns bestehen, der irrt. 

Der Artikel erschien ursprünglich auf http://idealism.us/von-unterbrechern-und-verbrechern/

Über Der Idealist

Der Idealist ist ein vielreisender Informatiker mit Altenburger Wurzeln. Er war bis jetzt in den USA, Niederlande, Südostasien, Rumänien, Spanien und natürlich seiner Heimat Deutschland für verschiedene Industrien tätig. Seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen schreibt er auf idealism.us nieder.

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