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Theaterboykott Altenburg – Wie ein Schauspieldirektor den eigenen Abgang inszenierte

Seit einigen Wochen überschlagen sich die Meldungen über einen Boykottaufruf, den das Bürgerforum Altenburger Land gegenüber öffentlichen Institutionen wie dem Lindenaumuseum und dem Theater Altenburg ausgerufen hatte. Dabei waren dem Boykottaufruf einige Ereignisse vorausgegangen, die es leider nicht in die tendenziöse Berichterstattung geschafft haben.

Eine Chronologie der Ereignisse.

Gebhardt Berger, Augenoptiker und politischer Aktivist aus Altenburg, hat die Nase voll. Ob Eurorettung, der sich zuspitzende Nato-Russland Konflikt oder auch die völlig planlose Einwanderungspolitik der Bundeskanzlerin. Berger ist einer derjenigen Bürger, die mit den aktuellen politischen Entwicklungen nicht mehr einverstanden sind, und seinem Ärger Luft macht. Über Leserbriefe an das lokale Anzeigenblatt “Kurier” zum Beispiel.
Mit scharfen Worten nutzte der Unternehmer das Medium, um seine Positionen, die sich zum Teil gegen die Politik der amtierenden Landrätin, Michaele Sojka, richteten, in die Öffentlichkeit zu bringen. Auch andere Bürger aus Altenburg nutzen das lokale Anzeigenblatt, um ihre Meinung über die aktuelle Politik zu veröffentlichen. In Bezug auf eine Lesermeinung eines Gastronoms aus Altenburg, äußerte sich die Landrätin öffentlich auf facebook wie folgt. “Bin gespannt, ob der Kurier auch diesen Schwachsinn wieder abdruckt! Wenn ja, werde ich keine Anzeigen und keine PM mehr dorthin senden.”

Tatsächlich erhielt das Anzeigenblatt “Kurier” in den darauffolgenden Wochen keine Pressemitteilungen vom Lindenaumuseum mehr. In einem Beitrag in eigener Sache hieß es dazu im Kurier:
“Museum blockiert Pressearbeit – Seit der Veröffentlichung der “Berger-Briefe” im August dieses Jahres verweigert das Altenburger Lindenau-Museum die Zusammenarbeit mit dem Kurier Verlag. Auf Nachfrage bei der zuständigen Pressestelle wurde dieser Zusammenhang bestätigt. Innerhalb einer kollektiven Beratung des Hauses, unter Leitung der amtierenden Direktorin Sabine Hofmann, wurde die Entscheidung gefällt, den Informationsfluss an den Kurier Verlag aus dem Presseverteiler zu entfernen.”

Doch dem nicht genug. Im Zusammenhang mit einer vom Bürgerforum unterstützten Compact-Live Veranstaltung am 22. Juni 2015 spielte sich im Verlagshaus Kurier Sonderbares ab. Nachdem für die Veranstaltung eine Werbeanzeige geschalten worden war, auf der das Titelbild des Compact-Magazins abgebildet war, kündigte sich die Kriminalpolizei ohne Durchsuchungsbefehl im Kurier-Verlag an. Der Kurier schilderte den Sachverhalt so: „Daraufhin bekam die Redaktion des Kurier Besuch von der Altenburger Kriminalpolizei, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft gegen Verunglimpfung von hochrangigen Politikern ermittelt werde. Eine derartige Darstellung wie in der Ausgabe vom 11. Juni 2016 [gemeint: die Anzeige zu COMPACT-Live] sei nicht hinnehmbar (…).“

Aufgrund dieser Vorkommnisse sah sich Berger veranlasst, das Netzwerk “Farbe bekennen” ins Leben zu rufen, eine Initiative für das Recht auf Meinungsfreiheit. Dieses besteht aus “150 Arbeitern, Angestellten, Handwerkern, Geschäftsleuten, Ärzten, Künstlern aus dem Raum Altenburg, die es für dringend geboten halten, zu Meinungsfreiheit und -vielfalt zurück zukehren sowie Diskriminierung Andersdenkender und die Verordnung von Leit-Meinungen zu beenden.” Die Initiative veröffentlichte mehrere Anzeigen im Kurier, in denen sich die Unterstützer dieses Netzwerkes mit ihrem Namen öffentlich für den Kampf gegen Denk- und Sprechverbote positionierten.

Szenenwechsel. Im Oktober 2016 rief der Oberbürgermeister der Stadt Altenburg, Michael Wolf, zu einer Einwohnerversammlung im Altenburger Stadtteil “Nord” auf, nachdem die Osterländer Volkszeitung über die zunehmenden, von Flüchtlingen verursachten Lärm- und Müllbelästigung im Wohngebiet berichtete. In jenem Stadtteil Altenburgs war es durch die unausgewogene Verteilungspolitik der Landrätin, Michaele Sojka, zu einer überproportional hohen Unterbringung von Flüchtlinge und den Problemen gekommen. Unter den rund 700 Anwesenden, die während der Einwohnerversammlung ihren Unmut über die Zustände in ihrem Stadtteil gegenüber der Landrätin Sojka bekundeten, befanden sich etwa 30, überwiegend dem Theater-Spektrum zuzuordnende, Befürworter von Sojkas Politik. Diese waren weder Einwohner des betroffenen Stadtteils noch gingen sie überhaupt auf die Probleme, die in diesem Stadtteil herrschten, ein. Stattdessen befragten sie den Oberbürgermeister, was dieser gegen die zunehmende Fremdenfeindlichkeit in der Stadt unternehmen wolle und ob er meine, dass diese Situation gut für den Standort Altenburg wäre. Tatsächlich fragt man sich, woher der Vorwurf kommt, in Altenburg würde die Fremdenfeindlichkeit zunehmen. Laut Recherche der Osterländer Volkszeitung ließen sich die Vorwürfe laut amtlicher Polizeistatistik nicht belegen.

In der Angelegenheit drängt sich der Eindruck auf, dass den Einwohnern Altenburgs und den dort aktiven Kritikern der aktuellen Flüchtlingspolitik pauschal Fremdenfeindlichkeit vorgeworfen wird, ohne sich inhaltlich mit deren Positionen auseinanderzusetzen. Im Nachgang zur Einwohnerversammlung kritisierten zwei Schauspieler des Theaters Altenburg öffentlich mit Leserbriefen den Initiator OB Wolf. Er fische am rechten Rand für seinen kommenden Wahlkampf und schüre hierdurch die Fremdenfeindlichkeit in Altenburg. Mit den Leserbriefen bekräftigten die Schauspieler ihre Fremdenfeindlichkeitsvorhalte gegen die berechtigten Belange der Einwohner.

Abermals wurde also von Angestellten des Theaters pauschal ein Fremdenfeindlichkeitsszenario konstruiert, das sich wie spätere Feststellungen zeigten, nicht verifizieren ließ.

Die versuchte Einflussnahme durch Amtsträger auf die freie Presse sowie die einseitige Parteinahme der Theater-Angestellten zugunsten der Politik Sojkas, die pauschale Verurteilung aller Kritiker der Flüchtlingspolitik als Fremdenfeinde, veranlasste Sickmüller anlässlich einer Demonstration des Bürgerforums Altenburg Land schließlich zu folgender Aussage:

(siehe Rede Andreas Sickmüller Video)

Einige Monate nach diesem Boykottaufruf kochten nun überregionale Medien das Thema wieder hoch. Ohne die Zusammenhänge, die zu diesem Boykott-Aufruf führten, und ohne die Initiatoren zu den Motiven ihres Boykott-Aufrufs zu befragen, zeichneten Medien wie der Spiegel, die Taz, die ARD-Tagesthemen, MDR, Deutsche Presseagentur, Deutschlandfunk und Huffington Post mit aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten ein fremdenfeindliches Bild von der Stadt Altenburg. Das Bürgerforum Altenburger Land sei Schuld an einer Zunahme der Fremdenfeindlichkeit, die es laut offizieller Polizei-Statistik in Altenburg gar existiert. Mehr noch: mehrere Schauspieler am Theater würden nach Behauptungen des Altenburger Schauspieldirektors Stengele wegen fremdenfeindlicher Pöbeleien das Theater-Ensemble sogar verlassen. Auch diese Behauptungen ließen sich zu keinem Zeitpunkt verifizieren. So berichtete die OVZ in einem Artikel dazu:

“Bis heute ist unklar, was genau wo und wann vorgefallen ist. […] Die Betroffenen wollten sich nicht äußern – auch nicht gegenüber der Polizei. Es liege keine Strafanzeige vor. […] Auch auf wiederholte Nachfrage der OVZ im Theater hieß es, dass sich keiner der Betroffenen äußern möchte. […] Es wird berichtet, Stengele habe eingeräumt, dass die drei Schauspieler möglicherweise geblieben wären, wenn er selbst nicht das Theater verlassen würde. Der Schauspieldirektor hatte sie nach Altenburg-Gera geholt.”

Stengele hätte das Altenburger Theater also nach der Nichtverlängerung seines Vertrages ohnehin verlassen. Auch, dass die betroffenen Schauspieler ihre Verträge nicht verlängern werden und das Ensemble mit dem Direktor, der sie nach Altenburg geholt hatte, wieder verlassen würden, war schon lange vor den mutmaßlich fremdenfeindlich motivierten Pöbel-Vorwürfen bekannt. Dies bestätigt auch die Aussage aus einem Radiobericht von MDR-Kultur vom 17.02.2017, indem es da heißt:

“Doch den Zirkus mit der Verlängerung von Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis wird Ouelgo Téné nicht noch einmal durchlaufen. Zusammen mit einer griechischen und einer türkischen Kollegin verlässt er das Ensemble. Nicht so sehr wie von manchen Medien vorschnell interpretiert wegen ostthüringischer Fremdenfeindlichkeit – eher wohl weil Bernhard Stengele, der sie alle für seinen multikulturellen Theateransatz engagiert hatte, am Ende der neuen Spielzeit zu neuen Ufern aufbricht.”

Inwieweit die dünne Faktenlage aus Behauptungen und Unterstellungen ausreicht, die komplette Stadt Altenburg als einen Hort fremdenfeindlichen Gedankenguts darzustellen, ist mehr als fraglich. Fremdenfeindlich motivierte Straftaten liegen bis dato jedenfalls nicht in einem größeren Umfang vor als sie in jeder anderen Stadt Deutschlands vertreten wären. Angesichts der deutschlandweiten medialen Kampagne bleibt der Eindruck zurück, dass man das Bürgerforum Altenburger Land bewusst in das Spektrum von Rechtsradikalen, Fremdenfeinden und Rassisten zu rücken versucht, um deren sachliche Kritik an der herrschenden Politik als rechtsradikal zu stigmatisieren. Ob es das Bürgerforum Altenburger Land war, das dem Image der Stadt geschadet hat, oder ob es nicht viel mehr eine auf sehr fragwürdige Aussagen fußende überregionale Berichterstattung gewesen ist, die Altenburg einen fremdenfeindlichen Anstrich verpasste, ist angesichts der dargestellten Zusammenhänge und Hintergründe eine entscheidende Frage, die wir gern dem Zuschauer überlassen möchten.

Fakt jedoch ist, dass diese Kampagne dem Theater-Direktor Stengele Anlass genug war, sich anhand dieser Thematik zu profilieren und überregional in einem positiven Licht darzustellen. Inszenierte er doch angesichts des vom Theater selbst stammenden Fremdenfeindlichkeitsszenarios das Stück “Hauptmann von Köpenik”, in dem der schwarze Schauspieler Ouelgo Téné die Hauptrolle besetzt. Auch plant der Schauspieldirektor ein weiteres Stück mit einem jüdisch-palästinensischem Ensemble. In einem Interview mit MDR Kultur vom 17.02.2017 sagte Stengele wörtlich:

“Wir haben ja jetzt noch gleich eine Produktion mit einem israelischen Theater, dass gleichermaßen Juden wie Palästinenser im Ensemble hat, die kommen auch hier her und wir werden auch in Tel Aviv spielen. Also da haben wir nochmal so ein Ding vor uns ganz zum Ende der Spielzeit. Und das sind wirklich tolle Erfahrungen. Ich glaube, dass das eine Theaterform ist, die die richtige ist, für die jetzige Zeit. Überall vernetzt man sich, überall gibt es Globalisierung usw. und so möchte ich weiter Theater machen. Ich habe jetzt noch keinen Ort dafür, aber das ist etwas sehr wichtiges, was ich hoffe, dass es nicht abbricht”

“Tolle Erfahrungen” sind es also für Herrn Stengele. Wenn es die Absicht gewesen sein soll, den eigenen geplanten Abgang in Altenburg mit einem größtmöglichen Nachhalleffekt für die eigene Karriere zu inszenieren, so ist dies in einem beachtlichem Umfang gelungen. Die mediale Aufmerksamkeit, die man mit dieser letzten Inszenzierung erreicht hat, hätte größer nicht sein können.

Zum Nachteil der Stadt Altenburg allerdings, die nun völlig unbegründet als fremdenfeindliche Stadt gebrandmarkt ist und an diesem Schauspiel wohl noch einige Zeit zu kauen hat. Wie nützlich der mediale Hype für seine Karriere sein wird, wird sich noch zeigen. Andere Städte reiben sich bestimmt schon die Hände angesichts dieses Imagezugewinns, den dieser Schauspieldirektor einer Stadt verpassen kann. Für Stengele bleibt jedoch nur zu hoffen, dass dieser Bericht bei zukünftigen Arbeitgebern nicht bekannt wird.

Über Michael Külbel

Michael Külbel ist freischaffender Künstler und Grafikdesigner aus Altenburg. Seit 2015 arbeitet er mit im Team von altenburg-online.de im Bereich Redaktion, Administration, Gestaltung und Berichterstattung.

siehe auch

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