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Stadtoberhaupt entschuldigt sich bei jüdischen Nachfahren

Andreas Sickmüller
Andreas Sickmüller

Am 27.05.2017 berichtete der Altenburger Kurier über die Entschuldigung des Stadtoberhauptes Wolf „bei den jüdischen Nachfahren“. Dabei sprach Wolf von einer „gesamtgesellschaftlichen Verantwortung der Deutschen und insbesondere der Altenburger Bevölkerung. „Wir alle, Bürger dieser Stadt und dieses Landes trügen die Schuld ggü. den jüdischen Opfern des NS Regimes“.

Ob der Befürchtung, dass dieser Leserbrief eine deftige Kontroverse auslösen könnte, habe ich ihn verfasst, ich konnte nicht anders. Jene werden diese Kontroverse auslösen, die eine Kritik an der Flüchtlingspolitik als Ursache des gegenwärtigen Terrorismus pauschal zurückweisen, selbst aber völlig undifferenziert die Deutschen aller Generationen in Sippenhaft für die Ereignisse zwischen 1933-45 nehmen wollen. So wie dies auch das Stadtoberhaupt Wolf mit seinem persönlichen Kotau tat.

Dass die Kollektivhaftung (Sippenhaft) eine Maßnahme gerade derer war, wegen der er sich selbst offenkundig so sehr schämt und möglicherweise auch hasst, scheint ihm dabei entgangen zu sein. Ich möchte mit diesem Leserbrief nichts von all´ dem relativieren, was jüdischen-, russischen-, roma- deutschen- und sonstigen Familien in den Wirren des zweiten Weltkrieges widerfuhr.

Es geht in diesem Leserbrief auch nicht um eine Hinterfragung der Abläufe zwischen 1933-45. Die kann in unserer so hochgelobten Demokratie ohnehin sehr schnell strafrechtlich relevant werden, falls man z.B. als ganz junger, vielleicht geschichtlich interessierter Mensch, die Ursächlichkeit der anerzogenen Kollektivschuld zu gründlich zu hinterfragen wagt.

Mir geht es mit diesem Leserbrief darum, zu sagen: „Lieber Herr Wolf, ich trage weder als Altenburger, noch als Bürger dieses Landes irgend eine Verantwortung, oder gar eine Schuld an dem, was das NS Regime den Juden und auch allen anderen Opfern gegenüber zu verantworten hat. Ich bin 1966 geboren. Meine ältesten Onkel waren zu Kriegsbeginn gerade 15 Jahre alt, selbst wenn sie hätten wollen, hätten sie niemals etwas am Lauf der Dinge ändern können. Und meine beiden Großväter waren zu keinem Zeitpunkt einer Organisation des NS Regimes zugehörig, oder Soldaten. Und dennoch versuchen Leute wie Sie, selbst meinen Kindern Ihren Schuldkomplex einzutrichtern!

Überdies stellen sich mir zwei weitere Fragen:
1. Weshalb sehen Sie eine Verantwortung nur gegenüber jüdischen Opfern?
2. Beziehen Sie unsere Neubürger aus Syrien, Libyen, dem Balkan usw. ein, wenn sie von der Kollektivschuld aller Bürger Altenburgs und dieses Landes sprechen?

Oder sind die dann doch mal für einen Moment keine Bürger unserer Stadt und unseres Landes? Die undifferenzierte Weise, in der auch Sie die Sippenhaft in der allgemein üblichen Weise instrumentalisieren, stößt mich ab. Gerade diese Vorgehensweise ist für einen Großteil der politischen Fehlentwicklungen in unserem Land verantwortlich.

Ich verbitte es mir, dass Sie sich in meinem Namen als Bürger Altenburgs für irgendetwas entschuldigen, oder in meinem Namen für Irgendjemanden, dessen Handlungen ab 1945 endgültig beendet waren, die Schuld zu übernehmen. Dies ist schon alleine wegen des zugrundeliegenden Anachronismus absurd.

Es bleibt Ihnen überlassen, sich zu verbeugen, bis Sie mit der Nase im Staub landen und so viel Schuld auf sich zu laden, wie Sie nur möchten. Aber mich und meine Familie und alle, die so denken wie ich, werden Sie schön aus Ihrer Selbsterniedrigung raus lassen. Ich trage keine Schuld dafür. Tragen Sie die alleine, wenn Sie glauben, dies tun zu müssen! In meinem Namen und dem meiner Familie widerspreche ich hiermit Ihrer Erklärung!

Ich bin als Deutscher geboren. Ebenso hätte ich in Uganda oder als Aborigine auf die Welt kommen können. Ich habe selbst keine großen Leistungen vollbracht, weshalb ich mich auch nicht voller Stolz mit den Federn deutscher Dichter und Denker zu schmücken habe und es auch nicht tue. Ebenso habe ich aber auch keine schlimmen Verbrechen begangen, und werde deshalb auch keine Schuld für andere übernehmen oder mir zuweisen lassen. Weder von Ihnen, noch von sonst jemandem.

Dass ich, wie so viele Andere, an den von Ihnen adressierten Ereignissen zwischen 1933 – 45 gar keine Schuld haben kann, ist eine unumstößliche Tatsache. Es ist nichts weniger als die Wahrheit. Ich werde nicht dazu schweigen, dass das Ansehen unbeteiligter, unschuldiger Menschen – auch all derer, die unverschuldet unendliches Leid im Krieg erfuhren – von Leuten wie Ihnen auf diese schändliche Weise untergraben wird. Ich werde nicht dazu schweigen, dass Sie versuchen die Wahrheit dorthin zu verdrehen, wo sie faktisch gar nicht existieren kann.

Es ist schlimm genug, dass es sich in der, gerade von Menschen wie Ihnen, proklamierten Demokratie, nur unabhängige Leute leisten können, solch’ unterwürfig- autoaggressivem Verhalten, wie Ihrem entgegenzutreten. Seien Sie sich sicher, es gibt sehr viele Menschen, die das genauso sehen wie ich. Das weiß ich aus vielen, vielen Gesprächen, die über sämtliche Gesellschaftsschichten stattfanden.

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